BAG-Tagung in Jena

13. Bundeskonferenz der Fanprojekte

Die Bundeskonferenz wurde vom 7. bis 9. September von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) gemeinsam mit dem Fanprojekt Jena ausgerichtet. An der Konferenz nahmen 110 Mitarbeiter/innen aus 48 lokalen Fanprojekten, mehrere Fanbeauftragte aus den Vereinen, geladene Fachleute und interessierte Gäste teil.

Unter dem Motto „Selbstregulierung schafft Freiräume“ legte die Bundeskonferenz am ersten Tag den Schwerpunkt auf das Verhältnis zwischen Fußballfans und Polizei.

Prof. Dr. Clifford Stott von der Universität Liverpool referierte über seine Forschungsergebnisse der psychologischen Abläufe innerhalb von Menschenansammlungen. Er zeigte dazu Beispiele auf, wie Polizeieinsatztaktiken mit demonstrativer Präsens kontraproduktiv wirken können.
Stott will mit dem Modell der „Good Practice“ erreichen, dass verstärkt von positiven Erfahrungen eines defensiven Polizeiverhaltens bei Großveranstaltungen in einzelnen Städten und Ländern profitiert werden kann.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgegriffen und die Auswirkungen polizeilichen Einsatzhandelns auf Menschenmengen beim Fußball diskutiert.
 An der Podiumsdiskussion nahmen Prof. Dr. Stott, Chrisitoph Lipp vom Bundesinnenministerium, Anwalt und Fanvertreter Stefan Minden, Polizeioberrat Landespolizei Thüringen René Treunert und Günther Krause vom Fanprojekt München teil

Am zweiten Konferenztag standen in 4 Workshops die praktische Arbeit in den Fanprojekten und der fachliche Austausch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Mittelpunkt. In vier Gruppen wurden an den Themen: Geschlechtsbewusste Fansozialarbeit mit Jungen, U16/U18 Fahrten, Fanprojekttätigkeiten am Spieltag und Fanprojekte im Umgang mit der Polizei gearbeitet.
Beschlossen wurde die Konferenz am dritten Tag mit einem Rückblick auf die fünfwöchige Fanbetreuung bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und dem Ausblick auf die im Jahr 2012 anstehende Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Dazu informierte Dr. Dariusz Lapinski vom staatlichen polnischen Organisationskomitee der Euro 2012 über die Patenschaften für den Aufbau von Fanprojekten in Polen.
Das Fanprojekt Magdeburg wird die Patenschaft für das Fanprojekt von Ruch Chorzow übernehmen und im Dezember an einem internationalen Workshop in Chorzow teilnehmen.
Informationen zu dem Programm und den Pressemeldungen findet ihr in den weiterführenden Links:

Süddeutsche Zeitung vom Freitag, den 10. September 2010
Von Christoph Ruf

„Am liebsten würden wir nur den Verkehr regeln“

Beim Bundeskongress der Fanprojekte in Jena wird mit der Polizei über den Slogan „Kommunikation schafft Sicherheit“ diskutiert.
Eine Hundertschaft Polizei, Helme, Schlagstöcke, Schäferhunde – das ist oft das Erste, was Fans sehen, wenn sie am Spieltag den Bahnhof verlassen. Hinter ihnen liegt dann bereits eine stundenlange Fahrt in einem überfüllten Sonderzug. Vor ihnen ein Fußmarsch zum Stadion, links und rechts von einer Polizeieskorte eingezwängt. Beim Bundeskongress der 48 deutschen Fanprojekte, der am Donnerstag in Jena zu Ende ging, berichten viele Basisvertreter über Panikattacken von Fans, die stundenlang auf engstem Raum ausharren müssten. In Ausnahmefällen nässten sich Fans ein, weil ihnen von der Polizei aus Sicherheitsgründen der Toilettengang verwehrt werde.

Für ihren Slogan „Kommunikation schafft Sicherheit“ hatten sich die Fanprojektler wissenschaftlichen Beistand organisiert. Hauptredner am ersten Tag war Professor Clifford Stott aus Liverpool, der eine allzu demonstrative Polizeipräsenz für kontraproduktiv hält: „Alle Fans empfinden es als illegitim, von Vorneherein wie Schwerverbrecher behandelt zu werden.“ Das führe erst dazu, dass sich die Masse der friedlichen Fans mit den wenigen solidarisieren, die auf Gewalt aus sind. „Dann erst wird es gefährlich.“
Stott hat über mehrere Jahre europaweit die psychologischen Abläufe innerhalb von
Menschenansammlungen untersucht und festgestellt, dass die Einsatztaktik der Polizei die Gewalt oft nicht verhindere, sondern sie erst erzeuge. Seit in England ein unbeteiligter Zeitungsverkäufer infolge eines Polizeieinsatzes am Rande einer Anti-G8-Demo starb, sei auf der Insel die Vorgehensweise der Polizei in die Diskussion geraten. „Ich hoffe, dass es in Deutschland nicht erst Tote geben muss, bis die Debatte einsetzt“, so Stott. Auf der Insel legten die Polizisten nun zuweilen mehr Wert auf Deeskalation und warteten häufiger einsatzbereit in einer Nebenstraße.

Christoph Lipp, der Vertreter des Bindesinnenministeriums, zeigte sich erstaunt über manche Wortmeldungen. „Die Polizei ist nicht der Aggressor“, sagte er, „am liebsten wäre uns doch, wenn wir am Spieltag nur den Verkehr regeln müssten.“ Die Klage über die eineinhalb Millionen Einsatzstunden pro Saison bei Fußballspielen sei eben nicht nur ein Lobbyargument, wie die Fanlobbyisten in Jena finden. In der Tat lassen auch manche Fanvertreter durchblicken, dass in vielen Ultraszenen das Feindbild Polizei so verfestigt ist, dass nicht die Exekutive, sondern die Fans das Gespräch verweigern. Das Problem sei aber, dass die Situation am Spieltag oft nur deshalb eskaliere, weil Bürgerrechte schon präventiv massiv eingeschränkt wurden.

Das findet auch der Anwalt Stefan Minden, der als Fan der Frankfurter Eintracht an den
meisten Auswärtsfahrten teilnimmt und der Polizei eine neue Sichtweise nahe legt: „Bisher heißt es: Es ist etwas passiert, obwohl 100 Polizisten vor Ort waren, probieren wir es nächstes Mal mit 200.“ Minden schlägt das Gegenteil vor: „Kennen Sie ein einziges Beispiel, wo es zu Aggression kam, weil zu wenig Polizei da war?“ Christoph Lipp vom Innenministerium scheint nicht überzeugt zu sein: „Das Beste wäre, wenn die friedlichen Fans die gewaltbereiten ausgrenzen.“

Auch Günter Krause vom Münchner Fanprojekt meint Abhilfe zu kennen – zumindest was die Wochenendgestaltung der Beamten angeht. Bei vielen Spielen seien nämlich nur deshalb Großaufgebote am Ort, weil die Ausgangslage falsch eingeschätzt werde. Wie beim Drittliga-Spiel von CZ Jena bei der U23 des FC Bayern. „Da hätten ein paar Polizisten freies Wochenende machen können. Dass nichts passieren würde, weil beide Ultragruppen befreundet sind, hätten wir ihnen gleich sagen können.“ Oder auch nicht: In München finden Sicherheitsbesprechungen nämlich ohne Vertreter der Fanprojekte statt.

Das irritiert auch Jenas Polizeichef René Treunert. Beim örtlichen Drittligisten FC Carl Zeiss sei es gang und gäbe, dass die Einschätzung der Fanexperten eingeholt wird, auch während des Spiels spreche er mit Fanprojektleiter Matthias Stein. „Kommunikation“, sagt Treunert, „ist die Hauptaufgabe der Polizei. Das gilt auch für die Einsätze, die uns noch mehr Energie kosten: da geht es dann um häusliche Gewalt.“
Einen massiven Polizeieinsatz hat jüngst hingegen Volker Goll von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS) erlebt. Für kritikwürdig hält er ihn nicht – im Gegenteil. Das Spiel der deutschen Nationalelf in Belgien hätten erstmals seit langem wieder viele Hooligans als Bühne auserkoren – die Szene tritt im Ligaalltag kaum noch in Erscheinung.

In Brüssel hingegen randalierten Dutzende in der Innenstadt, skandierten „Sarrazin“ und rechtsradikale Parolen. „Da gab es dann einen Polizeieinsatz, wo ich nur sagen kann: Selbst schuld“, sagt Goll.