Buchvorstellung „Fußballfibel FK Partizan Belgrad“ im Fanprojekt Magdeburg am 30.07.2020

Am Donnerstag, den 30. Juli 2020, stellen Boban Lapčević, Frank Willmann und Anne Hahn ab 19:00 die Fußballfibel über den FK Partizan Belgrad im Fanprojekt vor. Die Veranstaltung findet unter der Einhaltung der geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen statt.

In der Buchvorstellung des Verlags heißt es: „Wer oder was ist Partizan Belgrad? Das ist nicht einfach zu beantworten! Kompliziert und verwinkelt wie die Stadt, ist auch der „Fudbalski Klub Partizan“ ein vielschichtiger Kessel aus Emotionen, Treue, Boykott, Verrat und totaler Eskalation. Die ruhmreichen Tage, als der Verein als erstes osteuropäisches Team im Finale des Europapokals der Landesmeister spielte (1966 gegen Real Madrid), sind längst vorbei. Heute blickt man kaum nach Belgrad, um tollen Fußball zu sehen. Dafür gibt es im Stadion von Partizan atemberaubende Atmosphäre und phantastische Fans, die ihren Verein nicht nur anfeuern, sondern auch lieben! Und weil es sich aus der Ferne besonders stark liebt, hat ein Fan mit weiter Anreise diesen bemerkenswerten Trip in das Herz des serbischen Fußballs geschrieben. Auch den werdet Ihr lieben!“

Für Getränke zu fanfreundlichen Preisen wird gesorgt sein.

Vom Herausgeber haben wir folgendes Interview mit Boban zur Einstimmung auf die Lesung erhalten:

Hallo Boban, ab sofort ist Deine Fußballfibel zum FK Partizan Belgrad erhältlich. Was erwartet den Leser in Deinem Buch?

Partizan Belgrad ist in Fußballfankreisen nicht unbekannt. Detaillierte Infos zur Fanszene kriegt man aber eher selten. Mein Buch ist die erstmalige Gelegenheit für deutschsprachige Leser einen tieferen Einblick zu erhalten. Ich verbinde im Buch die Geschichte des Klubs, wichtige Fakten und meine eigenen Erlebnisse in selbstironischer und witziger Weise. Meine Lektorin nannte es einmal „ehrlich, dreckig, schön und böse!“ Dem stimme ich zu 🙂

Was fasziniert Dich am serbischen Fußball und speziell am FK Partizan?

Der serbische Fußball hat mich eher nur in meiner Kindheit und frühen Jugend interessiert. Wir hatten so viele erstklassige Spieler in den europäischen Top-Ligen. Ich erinnere mich, dass die deutschen Fußball-Kommentatoren uns die „Balkan-Brasilianer“ nannten. Umso grösser war jeweils die Enttäuschung, wenn wir als haushoher Favorit verloren. Bei Partizan gibt es das Problem nicht. Wir sind der ewige Underdog, der aber trotzdem immer wieder den Großen ein Bein stellen kann. Dann ist der Sieg umso süßer. Meiner Faszination zu Partizan sind ganze Kapitel gewidmet, speziell „Das Grobaritum“

Könntest Du kurz beschreiben, was den Partizan-Fans das Derby gegen den FK Crvena Zvezda bedeutet und was an diesen Tagen in Belgrad los ist?

Es ist so etwas wie ein Feiertag im Leben der Fußballfans. Die angespannte Stimmung, die Vorfreude und die Provokationen beginnen schon viele Tage davor.  Man spürt es in jedem Ecken der Stadt, ja sogar im ganzen Land. Nun hat es sich etwas gelegt, früher war es intensiver.  Man hat halt sonst nicht viel, vorauf man sich freuen kann. Deswegen wird jedes Derby mit Spannung erwartet. Die Stadt wird schon am Morgen komplett abgeriegelt. An meinem ersten Derby 2009 waren über 4000 Polizisten im Einsatz. Wie wichtig das Derby ist sagt auch folgender Slogan „Wir geben gerne den Meistertitel, für einen Sieg im Derby“, wobei dem bestimmt nicht jeder Fan ganz zustimmen würde.

Worin siehst Du die größten Unterschiede zwischen der serbischen und der deutschen Fankultur?

Hauptsächlich in der Mentalität. Den Serben ist egal ob etwas angebracht ist oder nicht, ob es politisch korrekt ist.  Das Thema ist komplex. Wenn man mein Buch gelesen hat, kann man sich am besten eine eigene Meinung machen.

Welche Vereine und Stadien in Serbien würdest Du deutschen Groundhoppern empfehlen, unbedingt einmal zu besuchen und warum?

Abgesehen von den ewigen Rivalen in Belgrad, könnte man FK Vojvodina (Firma) besuchen. Zahlenmäßig sind ihre Fans auf dem dritten Rang und ihre Unterstützung und Choreografien sind ziemlich in Ordnung. Meine persönliche Empfehlung wäre noch FK Zemun (Taurunum Boys).  Sie haben nur eine kleine Gruppe und spielen in der 2.Liga, trotzdem halte ich sie fan-technisch für sehr stark. Obwohl Zemun ein Stadtbezirk Belgrads ist (früher war es eine eigenständige Stadt), sind sie stark geblieben und haben sich nicht von uns oder dem Roten Stern beeinflussen lassen. Dem zolle ich Respekt.

Was sind aus Deiner Sicht die größten Probleme im serbischen Fußball?

Korruption und Vetternwirtschaft. Viele Leute haben etwas zu sagen, obwohl sie gar nichts damit zu tun haben sollten. Einer der Ursprünge der Problematik liegt wohl auch in unserer Gesellschaft. Die guten Spieler werden sofort an europäische Klubs verkauft, anstatt das man sie mal eine Saison hält, um in der nächsten größere (europäische) Erfolge feiern zu können. Aber das kümmert niemand, man will das schnelle Geld und die Spieler sehen ihre Zukunft ebenfalls in Europa und nicht bei uns. Wenn wir mal einen ausländischen Spieler verpflichten, passiert das meist ohne große Ablösesumme, Spieler am Ende ihrer Karriere.  An Talenten fehlt es nicht. Unser Trainings- und Ausbildungszentrum (Teleoptik) für Nachwuchsspieler gilt als eines der modernsten in ganz Europa. Gemäß football-observatory.com, gehört es in Bezug auf die Produktivität zu den besten in Europa und liegt sogar vor Ajax und Barcelona. Sobald wir die Liga attraktiver machen können und die Spieler halten, wird es hoffentlich besser werden.

Machst du Lesungen in Deutschland?

Ich werde in der letzten Juliwoche in Jena, Leipzig, Magdeburg und Berlin lesen. Der Norden ist gerade in Planung.

Und abschließend die Frage zur Zukunft des serbischen Fußballs. Glaubst Du daran, dass dieser noch einmal zu den europäischen Spitzenligen aufschließen kann und was müsste dazu sich verändern?

Was wäre ich für ein Fan, wenn ich nicht daran glauben würde. 🙂 Es wird aber wahrscheinlich noch eine Weile dauern. Fußballtechnisch brauchen wir Disziplin. 2003 hatten wir uns für die Champions League qualifiziert als Lothar Matthäus unser Trainer war. Ich sage immer, einer der Hauptgründe war die „deutsche Disziplin“ welche er ins Team brachte 🙂 Den zweiten Grund kann ich mit folgender Anekdote beantworten: Nach der Champions League hat Lothar die Vereinsleitung gefragt „Wo ist denn nun das Geld hin?“ und wurde bald darauf gekündigt … Ob es zu 100% wahr ist kann ich nicht sagen, die Anekdote wird aber nicht ohne Grund erzählt.