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Wie Hooligan Ronnie seine Sozialarbeiter erzieht

In Magdeburg gehen rechte Randalierer aus Angst vor ihren Kumpanen freiwillig jahrelang ins Gefängnis
von Walter Wüllenweber, Berliner Zeitung vom 08. September 1994

Der zweite Magdeburger Prozeß gegen rechte Randalierer vom Himmelfahrtstag ging dieser Tage mit harten Strafen zu Ende. Die Angeklagten haben geschwiegen. Die Angst vor ihren Freunden aus der Hooliganszene ist größer als die Angst vor dem Gefängnis.

Heiko, Steffen und Carlo* wollen ins Gefängnis. Zwischen zweieinviertel und drei Jahren werden sie einsitzen. Dabei hatten sie die Chance, den Kopf zwischen den Gitterstäben herauszuziehen.

Am Himmelfahrtstag haben sie Ausländer durch Magdeburg gejagt. Kurz nach der Randale packten die drei bei der Polizei aus. Sie gestanden, selbst randaliert zu haben, und nannten dabei auch Namen ihrer Mitkämpfer. An den Aussagen muß etwas dran sein, denn was sie zu Protokoll gaben, konnten nur Täter wissen. 

Bewährung war drin

Vor Gericht haben Heiko, Steffen und Carlo ihre Aussagen dann widerrufen. Sie ließen sich sogar zu der Behauptung hinreißen, sie wüßten nicht einmal, was ein Hooligan sei. Das war ein Fehler. "Wir wären bereit gewesen, Geständigkeit zu honorieren", sagte Staatsanwalt Frank Baumgarten in seinem Plädoyer. Richter und Staatsanwalt signalisierten schon vorher: Vielleicht sind Bewährungsstrafen drin.

Aber Heiko, Steffen und Carlo haben sich für das Gefängnis entschieden. Nach wochenlanger reiflicher Überlegung. "Das war das Ergebnis des Drucks aus der Hooiiganszene", sagt Baumgarten. "Und der Druck muß groß gewesen sein."

Vorletzter Prozeßtag: "Die Sitzung ist eröffnet." Aufgeregt wispert es zwischen den Sitzreihen, während die Zuschauer sich auf ihre Stühle sinken lassen. Stille. Suchende Blicke. Einer fehlt noch. Als Richter Ludwig Fabricius gerade Luft holt, um etwas zu sagen, knarrt die schwere Saaltür in den Angeln. Ein junger Mann kommt herein. Selbstbewußt setzt er sich neben einen grauhaarigen Mann in Jogginghosen. Der junge Mann, auf den alle gewartet haben, ist der Prozeßbeobachter der Hooligans. Die Sitzung kann beginnen. 

Einflüsterungen

Während der gesamten Verhandlung ist die Bedrohung aus der Täterszene spürbar. Einmal müssen Polizisten einen 20-jährigen Hooligan in der Sitzungspause festnehmen, weil er einen Zeugen bedroht haben soll.

Wieder Sitzungspause. Der Prozeßbeobachter der Hooligans pirscht sich an Carlo heran, legt ihm den Arm auf die Schulter und spricht eindringlich in Carlos Ohr hinein. Und tatsächlich kann sich Carlo vor Gericht an keinen einzigen seiner Kumpel erinnern, der am Herrentag an seiner Seite kämpfte. Statt dessen beteuert Carlo, er habe sich längst von der Hooliganszene losgesagt. Als er das sagt, sitzt der Prozeßbeobachter schon wieder neben dem grauhaarigen Mann in Jogginghosen, der ihm stets den Platz freihält.

Es ist Günter Ebert*, einer von vier Sozialarbeltern aus dem "Fan-Projekt Magdeburg", das sich um "gewaltbereite Fußballfans" kümmert. Die meisten Kämpfer vom Himmelfahrtstag sind im Fan-Projekt organisiert. Die Hooligans unter den Prozeßzuschauern auch. Eigentlich sollen die vier vom Bund und der Stadt Magdeburg finanzierten Sozialarbeiter Gewalt der Fußballfans eindämmen.

Das ist nicht gelungen. Die vier Pädagogen konnten weder vorhersagen, noch verhindern, daß ihre Schützlinge am Himmelfahrtstag zur Ausländerjagd aufbrachen. Und auch die Bedrohung der Angeklagten durch Leute aus dem Fan-Projekt ist ihnen angeblich entgangen, obwohl Günter Ebert an den meisten Sitzungstagen neben den Hooligans im Zuschauerraum saß. "Von einer Bedrohung kriegen wir gar nichts mit", behauptet Eckehard Leue*, Leiter des Projekts.

Draußen jault eine Kawasaki. Drinnen im Fan-Laden, der Heimat des Fan-Projekts, unterbrechen die zehn- bis zwölfjährigen Jungs ihr Billardspiel. Der Höllensound kündigt Ronnie* an, einen stadtbekannten Hooligan, einen, der bei Kloppereien immer in der ersten Reihe dabei ist. Den Motorradhelm in der Armbeuge läuft er in die bewundernden Blicke der Jungs hinein. 

Stinksauer auf Heiko

Ronnle ist stinksauer auf Heiko, seinen gerade verurteilten Mitkämpfer, weil Heiko bei der Polizei Ronnies Namen genannt hat. "Ich hab ja nur noch Schiß, daß die Bullen vor der Tür stehen und mich abholen", sagt Ronnle. Wann immer er Zeit hatte, war er zu den Verhandlungen im Gerlchtssaal. Einmal wurde er vom hohen Gericht des Saales verwiesen, "weil er durch Gestik und Mimik Kontakt zu den Angeklagten aufgenommen hat". Heiko jedenfalls hat Ronnies Namen vor Gericht nicht wiederholt.

Ronnie trifft seine alten Kumpel Heiko und Carlo noch regelmäßig. Sie sind noch so lange in Freiheit, bis die Urteile gegen sie rechtskräftig sind. Das wird in wenigen Wochen soweit sein, wenn die nächsthöhere Gerichtsinstanz den Einspruch ihrer Anwälte abschmettem wird.

Sozialarbeiter Leue kippt Ronnie einen Kaffee in einen Becher. Wie immer in diesen Tagen reden sie nur über die Verhandlung. Staatsanwalt und Richter kamen im Plädoyer und in der Urteilsbegründung beide zu dem Schluß, daß Hooligans keine Rechtsextremisten seien. Ronnle vergießt vor Lachen fast seinen Kaffee. "Mensch, wir waren doch vor zwei Jahren alle noch Skins." Um bei den Mädchen besser anzukommen, und weil sich mit Glatze so schlecht ein Job finden läßt, habe er sich die Haare wachsen lassen und sich die für Hooligans inzwischen übliche, modisch schicke Garderobe zugelegt. "Das Äußere, das ändert sich", sagt Ronnle, "aber die Einstellung, die bleibt".

Eckehard Leue gießt Kaffee nach und berichtet von seiner schwierigen Aufgabe. Im Fan-Projekt werde "akzeptierende Sozialarbeit" praktiziert. Vor Jahren, erzählt Leue, habe er sich auch nicht vorstellen können, daß er bestimmte Formen von Gewalt tolerieren könne. Heute kann er: "Ich sag immer: keine Unbeteiligten und keine Waffen." Das ist exakt der sogenannte Ehrenkodex der Hooligans. Hooligans verändern die Ansichten der Sozialarbeiter, nicht umgekehrt.

Leues Arbeit ist in Magdeburg umstritten. Für Kriminairat Wolfgang Beyer -- er leitet bei der Magdeburger Polizei das Fachreferat Jugend, in dem auch zehn Sozialarbeiter mitarbeiten, ist es "entscheidend, Hooligans von den anderen Fan-Gruppen zu trennen". Vor allem dürften Leute wie Ronnie nicht in Kontakt zu den Jugendlichen kommen, wie es in Leues Fan-Laden Alltag ist. 

Viertklassiger Klub

Neben dem Fan-Projekt und den Sozialarbeitern der Polizei kümmern sich das Jugendamt und die Jugendgerlchtshilfe in mehreren Projekten um gewaltbereite Jugendliche. Überall wird nach unterschiedlichen Konzepten gearbeitet. Was für die einen Sozialarbeiter tabu ist, akzeptieren andere. Junge Männer wie Ronnie pendeln zwischen den Projekten hin und her: ein Abend im Neonazi-Projekt in der Neustadt, ein Nachmittag im Fan-Laden, ein Termin beim Polizei-Sozialarbeiter. - Ernst-Grube Stadion, letzten Sonnabend: Der legendäre 1.FC Magdeburg krebst jetzt in der viertklassigen Oberliga Nord herum und muß gegen Neubrandenburg kicken. "Früher hat hier Juventus Turin gespielt", erinnert sich ein älterer Fan. "Vor 50,000 Zuschauern." Die Partie gegen Neubrandenburg wollen gerade mal 500 Fans sehen. Und auch nur, weil der Eintritt kostenlos ist.

Neubrandenburg ist besser, verliert aber, weil der Schiedsrichter einen Magdeburger weniger vom Platz stellt. Selbst bei den Roten Karten bleiben die Fans verhältnismäßig cool. Die wenigen Polizisten sind Fans in Uniform und langweilen sich.

Die Hooligans interessiert das Gekicke nicht. Sie sitzen schon während des Spiels an den Biertischen hinter den Stadiontribünen und trinken. Nach dem Abpfiff soll hier das Sommerfest des 1. FC Magdeburg beginnen. In der zweiten Halbzeit kommt Ronnie und hält ein fröhliches Schwätzchen mit einer Gruppe Skinheads. Kurz vor Spielende kommt ein Gast zum Sommerfest, den die anderen Hooiigans freudig begrüßen. Es ist einer von denen, die angeblich gar nichts mehr mit den Hooilgans zu tun haben. Es ist Carlo aus dem Gerichtssaal.

*Die Namen wurden geändert

 

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