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Ultras: Gewalttäter und Sozialarbeiter E-Mail
Geschrieben von: Michael Horeni - FAZ   

Aus offiziellen Fußballkreisen hat man bisher wenig Konkretes über Ultras gehört - sie sind eine geschlossene Gesellschaft, die Vereine und Verbände überfordert.

Die jüngsten Schlagzeilen sind düster, mal wieder. Beim Montagsspiel der Zweiten Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Eintracht Frankfurt gab es peinliche und strafwürdige Rufe wie „Judenschweine“ hier und geschmacklose Transparente wie „Bomben auf Dresden“ dort. Die für den vergangenen Samstag geplante Begegnung der dritten Fußball-Liga zwischen Preußen Münster und Arminia Bielefeld ist aus Sicherheitsgründen verschoben worden.

Die Polizei war vollauf damit beschäftigt, Benedikt XVI. zu schützen, und da sollte den Beamten neben dem Papst-Einsatz nicht auch noch ein Risikospiel zugemutet werden. Die Innenministerkonferenz hatte die Verlegung beantragt. Zum Risikospiel wurde die Begegnung dritter Klasse, nachdem zwei Wochen zuvor Osnabrücker Ultras ein Duplikat der Münsteraner Ultra-Fahne in ihrem Block präsentiert hatten; ein Aufruhr brach los. 29 Menschen wurden verletzt, einige schwer. Im Fan-Block ging ein Sprengkörper hoch. „Wenn er nicht am Boden, sondern in Kopfhöhe explodiert wäre, hätte es wahrscheinlich Tote gegeben“, sagte der Leiter der Osnabrücker Polizei.

Einen Monat zuvor hatten Kölner Ultras mit einer „Ekel-Attacke“ (“Bild“) für Abscheu gesorgt. Sie bewarfen Schalker Anhänger mit Bechern, die sie mit Fäkalien gefüllt hatten. Am Sonntag wiederum beleidigten Schalker Ultras ihren ehemaligen Torhüter Manuel Neuer, früher als Jugendlicher selbst ein Ultra. Sein Vergehen: Er ist im Sommer zum FC Bayern gewechselt. Die Münchner Ultras wiederum wünschten Neuer zum Teufel. Bei einem geheimen Treffen mit dem Torhüter und Vereinsvertretern forderten sie zu Saisonbeginn, dass Neuer niemals Fangesänge mit dem Megafon anstimmen und das Bayern-Emblem küssen werde.

Noch Fragen zu den Ultras? Der Kriminologe Jannis Linkelmann und der Politologe Martin Thein hatten noch Fragen. Sie wollten wissen, wer diese Leute eigentlich sind, wie eine Ultra-Gruppe funktioniert und was sie im Kern zusammenhält. Sie machten sich auf, diese geschlossene Gesellschaft zu erforschen. In diesem Monat ist ihr Buch erschienen, die überarbeitete Fassung einer Masterarbeit an der Juristischen Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität. Der Titel lautet: „Alles für den Club! Eine Feldstudie zu den Ultras Nürnberg 1994“.

Zur Ansicht kommt dabei am Nürnberger Beispiel das vielschichtige Bild einer Jugendkultur, die immer weiter an Attraktivität gewinnt, in der Gewalt eine Rolle spielt, aber längst nicht die wichtigste. Die Ultras haben sich zu einem bedeutenden Teil der deutschen Jugendkultur entwickelt, sie haben sich längst von den Interessen der Vereine gelöst und verfolgen ihre eigenen Ziele. „Ultras sind eine Sozialisierungsinstanz. Aber wenn Ultras in den Medien auftauchen, dann immer nur durch Schwierigkeiten. Aber das wird ihnen nicht gerecht, sie werden in ihrer Gesamtheit gar nicht wahrgenommen“, sagt der Politologe. „Die Ultras bezeichnen sich selbst auch immer wieder als Sozialarbeiter. Auch wenn das manche im Fußball nicht gerne hören: Bis zu einem gewissen Punkt unterstreiche ich das“, sagt der Kriminologe.

Gedenken an KZ-Opfer

Gewalttäter und Sozialarbeiter - das ist eine Mischung, von der man bisher aus offiziellen Fußballkreisen noch nichts gehört hat, wenn von Ultras die Rede ist. Im deutschen Fußball kennt man Ultras vor allem als die neuen Herren der Kurve, von Vereinen und Verbänden werden sie wegen der Gewalttaten und dem Einsatz von Pyrotechnik als Bedrohung wahrgenommen, darauf folgen Stadionverbote.

Die Ultras Nürnberg aber kümmern sich im Alltag ihrer Gruppe immer wieder um Leute, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, bei denen es in den Familien nicht stimmt, die keinen Job haben, die von Hartz IV leben oder im Knast waren. Im vergangenen Jahr sammelten sie auch Geld für ein Kinderhospiz. Aber diese Aktionen gehen meistens genauso unter wie etwa das Turnier, das die Ultras der Schickeria München in Gedenken an Kurt Landauer seit Jahren organisieren, dem jüdischen Präsidenten des Klubs, der nach der Machtergreifung sein Amt abgeben musste und später ins KZ Dachau kam.

„Ultras sind für Vereine Fremdkörper“

Über ihre Arbeit mit den Ultras Nürnberg haben Linkelmann und Thein auch Zugang zu anderen Ultragruppen in Deutschland gefunden, sie haben einen guten Überblick über eine Szene, die ansonsten im Stadion nur als Stimmungsmacher geschätzt und als Schläger gefürchtet wird. Das einseitige Bild hat Gründe: Mit traditionellen Fanklubs haben die Ultras nahezu keine Verbindung, auch nicht zu Vereinen und Verbänden, gegenüber Medien und Wissenschaft schotten sie sich ab. So kommt es, dass der Fußball in Deutschland seit Jahren zwar immer stärker an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnt - als Integrationsmotor, gesellschaftlicher Kitt und Wirtschaftsfaktor - die Ultras aber, die auf den Rängen einen erheblichen Teil zum stimmungsvollen „Event“ beitragen, bleiben unbekannte Wesen. „In Deutschland sind Ultras für Vereine Fremdkörper, es herrscht eine Mischung aus Unwissenheit und Angst. Druck ist auf Dauer keine Lösung“, sagt Thein. „Ohne Kommunikation und Kooperation wird sich die Lage nicht verbessern. Aber die Vereine sind damit im Moment völlig überfordert.“

Ultras sind sehr unterschiedlich, individuell wie auch als Gruppe. Die Ultras Nürnberg haben nicht viel mit der Schickeria in München gemein, das Commando Cannstatt in Stuttgart tickt anders als die Wilde Horde in Köln. „Aber es ist interessant, dass wir es mit einer Jugendkultur mit eigentlich konservativen Werten zu tun haben“, sagt Linkelmann. „Freundschaft ist zentraler Wert, dazu kommt ein stark ausgeprägter Heimatpatriotismus: für unsere Mannschaft, für unseren Verein, für unsere Stadt, für unsere Gruppe.“

Max Morlock statt easy-Credit

Die Entstehung der Ultras ist ohne die negativen Folgen der Kommerzialisierung des Fußballs nicht zu erklären, und ihr Aufstieg als Jugendkultur nicht ohne die gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahren. Die Kommerzialisierung hat ein Vakuum an lokaler Identität geschaffen. Spieler und Trainer wechseln im schnellen Takt, Vorstände tun alles, um finanziell im Wettbewerb zu bestehen, und so kommt es, dass aus dem alten Frankenstadion in Nürnberg vor Jahren schon das easyCredit-Stadion geworden ist. Die Ultras haben zu Saisonbeginn eine Kampagne gestartet, das Stadion nach Max Morlock zu benennen, dem Nürnberger Weltmeister von 1954. Die Aktion wird mittlerweile von rund 90 Fanklubs und Institutionen unterstützt, eine Petition auf einer Website haben 3000 Fans unterzeichnet, mit Flashmobs, Transparenten und Infoständen werben sie um Unterstützung.

Die Führungskräfte bei den Ultras Nürnberg bemerken aber auch die Folgen der gesellschaftlichen Veränderung, immer mehr Jugendliche suchten nach Anerkennung und Sicherheit. Sie füllen diese Leerstelle. Wer bei den Ultras ist, gehört auf einmal zu einer Elite, mit coolen Klamotten und dem Anspruch, in der Fankurve zu bestimmen, wo es langgeht.

Ultra zu sein ist vor allem ein Lebensgefühl

Die Rekrutierung neuer Mitglieder erfolgt hoch effektiv. Wer sich im Internet bei den Ultras meldet, darf gleich eine Aufgabe beim nächsten Spiel erfüllen - Flyer verteilen oder das eigene Ultra-Magazin verkaufen -, und man stellt dem Neuen, falls er aus einer anderen Stadt kommt, ein Ultra-Mitglied aus seiner Gegend zur Seite, dann kann man zusammen fahren und unter der Woche etwas unternehmen. „Wer Freunde findet, der bleibt“, sagt Thein. Ultra zu sein ist vor allem ein Lebensgefühl, sagt Linkelmann. Die Leute sehen sich nicht nur an Spieltagen, sie verbringen einen großen Teil der Freizeit miteinander. Und so konzentrieren sich die Freundschaften irgendwann immer weiter auf die Ultra-Gruppe, bis Freundschaften aus der ganz normalen Welt zurückgedrängt werden, was wiederum die Gruppenbindung stärkt. „Die Leute drohen den Kontakt zur anderen Welt zu verlieren“, sagt Thein.

Vor einigen Jahren haben die Ultras Nürnberg eine Dokumentation über sich ins Netz gestellt. „Gate 8“ heißt der Film, darin sieht man, dass sie ein eigenes Lokal haben, wo sich die Mitglieder auch unter der Woche treffen, es ist eine Alternative zum Jugendzentrum. Im Bus kann man bei Auswärtsfahrten hinten einen Joint rauchen, ohne dass man rausfliegt. Am Ende räumen alle den Bus auf. Einer der Ultras sagt in dem Beitrag: „Die Freunde sind dir näher als die eigene Familie. Das sind Freundschaften, für die du alles geben würdest.“

Eine Choreographie kostet bis zu 10.000 Euro

Die Ultras Nürnberg gelten als eine der einflussreichsten Ultra-Gruppen in Deutschland, für negative Schlagzeilen sorgen sie auch. Im April 2008 schossen sie in Frankfurt eine Leuchtrakete aufs Spielfeld, woraufhin die Partie unterbrochen wurde. Im Vorjahr hantierten sie in Bochum mit Pyrotechnik, und durch den Einsatz von Magnesium wurden mindestens zehn Zuschauer verletzt. Der Nachwuchs in der Gruppe verlangt immer wieder nach neuer Action.

Die eigene Performance im Stadion ist für Ultras mindestens so wichtig wie der Sport, und das ist auch ein Grund, warum Ultras so viel Zeit und Geld in ihre Choreografien stecken und auf Bengalo-Shows nicht verzichten wollen. Eine Choreographie kostet mitunter bis zu 10.000 Euro, und es dauert Wochen, bis so eine große Sache steht. Geld von den Vereinen nehmen Ultras nicht, das widerspräche ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit. „Sie sind oft kreativer als die Leute aus den Vereinen“, sagt Linkelmann.

In den Stadien haben die Ultra-Beobachter oft erlebt, wie professionell die Dinge laufen. Die Organisation klappt bei den Ultras wie am Schnürchen. Zehn Leute hängen die Zaunfahne auf, sechs Leute verkaufen die Zeitschriften, fünf Minuten vor Spielende verlassen ein paar Leute den Block, um nach Schlusspfiff am Treppenabgang wieder die Ultra-Hefte zu verkaufen. Niemand säuft.

Der Dialog stockt

Der Anteil an Abiturienten, Studenten und Akademikern ist unter den Ultras deutlich höher als früher unter den Kutten-Fans oder den Hooligans, mit denen sie immer noch oft in einen Topf geworfen werden. Ihre Ansprüche gegenüber Vereinen und Verbänden sind entsprechend höher, sie arbeiten mit Anwaltsberatungen zusammen, engagieren sich mit Architekten beim Stadionumbau und verhandeln im Stadion auch mit der eigentlich ungeliebten Polizei, wenn sie glauben, damit ihre Interessen durchsetzen zu können. Thein und Linkelmann unterhielten sich gerade mit einem Polizeiführer, als der über Funk die Mitteilung erhielt: „Die Ultras wollen ihre Zaunfahne anbringen, genehmigt ihr das? Sie bieten dafür an, heute keine Pyrotechnik einzusetzen und keine Gewalt.“ Sie durften. „Das sind gewiefte Taktiker, die genau in die Schnittstellen der Vereine gehen“, sagt Thein. „Sie sind rhetorisch und im Kopf stark. Die wissen, wo die Schwachstellen sind.“

Choreo, Pyro und Bengalo - da wollen die Ultras künftig noch mehr bestimmen, wie es zu laufen hat. Im November 2010 starteten sie dafür die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren“. Mit Verband und Liga, DFB und der DFL gibt es seit Monaten Verhandlungen darüber, ob Pyrotechnik im Stadion unter gewissen Auflagen möglich ist. Dafür kündigten die Ultras an, bei den ersten drei Spieltagen auf Feuerspiele zu verzichten. Das klappte ganz gut, man schien auf einem gemeinsamen Weg. Mittlerweile haben die Verbände gemerkt, dass es sich um eine Machtfrage handelt, sie rudern zurück. Der Dialog stockt.

 

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