Fangewalt, ein altes, neues Phänomen
Gewaltbereite Ultras werden zunehmend zum Problem
| ZITAT |
„Die Ultras haben die Meinungsführerschaft in den Stadien übernommen. Die aber können wir schlecht erreichen." Thomas Schneider DFL-Fanbeauftragter |
Es geht wieder härter zu in Deutschlands Fußballstadien. Die Zustandsberichte über Fanrandale und Festnahmen beweisen das, gerade in dieser Saison. Fanbeauftragte und Polizei wirken ratlos und suchen neue Wege, die Gewalt in den Griff zu bekommen.
150 Festnahmen bei Karlsruhe gegen Frankfurt, 160 bei Karlsruhe gegen Stuttgart und beim Spiel Schalke gegen Dortmund wurden über 120 Fußballanhänger in polizeilichen Gewahrsam genommen: Die noch bis zum Beginn dieser Saison von Fanforschern aufgestellte These, dass sich die Fanrandale aus der Bundesliga in die unteren Spielkassen verzogen hat, scheint kaum mehr haltbar zu sein. "Und daran wird sich auch in der Rückrunde nichts mehr ändern", erklärt Ralf Busch, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, gegenüber ZDFonline.
Feindbild der Ultras: die Polizei
Von einer neuen Qualität in Sachen Krawallen möchte Busch allerdings (noch) nicht sprechen. Eher von einer wellenförmigen Entwicklung, "die in dieser Saison mal wieder die erste Liga erreicht hat". Der Grund: Es gibt deutliche Anzeichen, dass sich die Fanszene verändert hat - und das nicht unbedingt zum Wohle des Fußballs und der Fankultur. "Die Ultras haben die Meinungsführerschaft in den Stadien übernommen. Die aber können wir schlecht erreichen", erklärt Thomas Schneider, der Fanbeauftragte der Deutschen Fußball Liga (DFL).
Ultras, das ist eine junge und zumeist gut ausgebildete, den modernen Auswüchsen des Profi-Fußballsports sehr kritisch gegenüberstehende Fangeneration. Die Ultra-Bewegung kommt ursprünglich aus Italien, doch sie hat längst auch die Bundesliga-Stadien fest im Griff. "Den Ultras reicht eine einfache Choreografie, ein gemeinsames Hüpfen und Singen, nicht mehr aus. Ultras haben ein eindeutiges Feindbild: die Polizei. Sie sind unter Umständen gewaltbereit und benutzen Pyrotechnik in den Stadien", so Busch, der dies mit seinen Mitarbeitern in den 44 Fanprojekten der Bundesliga gerade in dieser Spielzeit beobachten konnte.
Das proletarische Milieu verlassen
Der Zugang zu diesen "Fans" fällt den Fanprojekten, den Vereinen, den Verbänden und der Polizei jedoch gleichermaßen schwer. "Die Ultras haben wenig verbindliche Strukturen. Für einen Runden Tisch und gruppendynamische Spielchen sind die nicht mehr zu haben", erklärt Busch durchaus selbstkritisch.
Die Fanszene hat ihr proletarisches Milieu verlassen und sich kräftig modernisiert. Heute verabredet man sich statt an der Werkbank lieber auf den Schulhöfen der Gymnasien oder in den Mensen der Unis für den "Spaß" in der Kurve. Und mancher, der am Samstag Leuchtkugeln auf den Platz schießt, steht am Montag wieder brav hinter dem Bankschalter. Die Polizei, und das wird ihr oft zum Vorwurf gemacht, fällt zu dieser neuen Fankultur jedoch kaum etwas anderes ein als das alte Rezept der Repression. "Die WM ist gegangen, die Härte der Polizei hat uns wieder" - solche oder ähnliche Zustandsberichte der Ultras sind in den Internetforen zu lesen, natürlich anonym.
Der Polizei fehlt das Maß
| ZITAT |
„Wir müssen mit den Ultras im Dialog bleiben und dürfen den Kontakt zu ihnen nicht verlieren." Thomas Schneider DFL-Fanbeauftragter |
Nicht selten wirken die Ordnungskräfte überfordert. So wie beim Spiel Bremen gegen Frankfurt Ende November 2008. "Da flogen drei Böller von fünf Frankfurter Anhängern und am Ende haben über 1000 Polizisten gut 100 Fans festgenommen. Da fehlt das Maß und es setzt eine Gewaltspirale auf beiden Seiten in Gang", berichtet Ralf Busch. Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) verlieh der Bremer Polizei für diese Aktion übrigens "Den Goldenen Schlagstock".
Was aber tun, wenn die alten Mechanismen der Fanarbeit nicht mehr greifen? Vor diesem Dilemma stehen aktuell all diejenigen, die sich mit der Fankultur beschäftigen "Wir müssen mit den Ultras im Dialog bleiben und dürfen den Kontakt zu ihnen nicht verlieren. Wenn das passiert, bekommen wir italienische Verhältnisse", erklärt der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider. In Italien gilt in der Serie A bei brisanten Spielen ein Auswärtsverbot für Fans. Solche Zustände wünscht sich in der Bundesliga natürlich niemand. "Keiner muss hier Angst haben, ein Stadion zu besuchen", beruhigt Wilko Zicht, ein Sprecher von BAFF. Aber wie lange noch?
QUELLE |
Die Rolle die Du dem Genuß von Alkohol bei der 'gelebten Aggressivität' von Teilen der Fanszene zusprichst, ist total überschätzt.
Ein 0,0 Promille-Zwang träfe zu 99% nur diejenigen für die ihre Bratwurst mit ein, zwei Bierchen ganz einfach zum Fußball dazugehört!
Kein Verkauf von Alkohol in/vor Stadien.
Aus meiner Sicht spielt die Droge eine große Rolle bei der gelebten Agressivität.